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Die Wüste guter Ideen, oder: Warum Prozesse oft scheitern, bevor sie richtig wirken können

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Die Wüste guter Ideen, oder: Warum Prozesse oft scheitern, bevor sie richtig wirken können

Viele Prozesse starten mit guten Ideen und hoher Bereitschaft. Alle sitzen mit am Tisch und sehen das Thema mit ehrlichem Interesse: Ein Auftakt-Treffen, eine Projektgruppe und ein erster Abstecher ins Thema sind gemacht. Alle bemerken die Energie und das Thema schwingt auf dem Flur mit. Und dann… wird es mühsam. Nicht plötzlich und mit einem Knall, eher so, wie ein Gespräch leiser wird.

Der Prozess versandet langsam in der Wüste guter Ideen. Ich habe solche Prozesse schon ein paar mal erlebt, manchmal zur nächsten Oase begleitet, manchmal nicht verhindern können, dass es mittendrin eine Durststrecke gibt. Es ist erschreckend oft dasselbe Muster.


Manche nennen es Boykott, ich nenne es Schutz

Wenn ich solche Prozesse auf den Tisch bringe und mit Führungspersonen spreche, höre ich ähnliche Sätze: Die Anderen wollen nicht wirklich, blockieren den Prozess, bringen sich nicht ein, übernehmen keine Verantwortung, so kann das ja nichts werden. Ich erlebe das anders.

‘Die anderen wollen einfach nicht, da können wir nichts machen.’, ist die falsche Ebene.

Denn genauer hingeschaut, erlebe ich Menschen, die schon mehrfach Prozesse mitgestaltet haben. Die sich eingebracht haben, Ideen hatten, Energie investiert haben… und am Ende erlebt haben, dass nichts davon dauerhaft etwas verändert. Es gibt dann Empfehlungen in Ordnerstrukturen versteckt oder Ideen für strukturelle Entscheidungen, die aber nie getroffen wurden. Und so wurde aus einem Beteiligungsprozess ein hübsches Papier, das ganz geduldig in einer Schublade wartet.

Menschen, die versandete Prozesse schon oft erlebt haben, boykottieren nicht. Sie schützen sich vor viel Arbeit und der nächsten Enttäuschung.

Das ist der Unterschied im Blickwinkel, der alles verändert. Hier hinzuschauen braucht Ehrlichkeit, Mut und Bereitschaft.


Das gemeine Wort “Scheinbeteiligung”

Es gibt einen Begriff dafür, auch wenn er sicherlich auf keiner Ziele-Liste auftaucht: Scheinbeteiligung.

Prozesse, die so aussehen, als ob Mitarbeitende oder Ehrenamtliche wirklich mitgestalten können. Die anfangs auch so gemeint sein mögen. Und die trotzdem scheitern, weil eine entscheidende Frage nicht geklärt wurde und dann schon viel Bewegung drinsteckte:

Was darf dieser Prozess eigentlich verändern?

Visionen und Zielen sind oft formuliert, aber was bedeuteten sie ganz konkret: Wenn am Ende dieses Prozesses jemand sagt, wir brauchen eine andere Schnittstelle zur Leitungsebene, eine andere Entscheidungsstruktur, eine andere Ressourcenverteilung — gibt es dann strukturelle Veränderungen?

Diese Frage ist entscheidend für gelingende Prozesse und wird zu selten gestellt, bevor es losgeht. Die zusätzliche Arbeit tragen dann häufig die Üblichen und werden erneut um ihr Vertrauen in die Organisation gebracht. So werden die Motivierten mit zusätzlicher Arbeit “belohnt” (aka: Das ist eine gute Idee, arbeite dafür doch mal was aus!) und eigentlich abgestraft (aka: Du immer mit deinen Ideen, das macht uns allen doch noch mehr Arbeit).


In der Wüste gut gemeinter Ideen

Das Versanden passiert dann nicht in einem konkreten Entscheidungsmoment. Es ist ein Prozess im Prozess: Themen verschwinden von der Tagesordnung, Ergebnisse werden nicht eingehalten, Kommunikation schläft ein, Verbindlichkeit geht verloren. Alles passiert nicht aus bösem Willen, sondern weil der Alltag den Prozess einholt und in die Wüste schickt.

Und dann heißt es auf dem Flur irgendwann: “Das war klar, es ist halt wie immer.”

Dieser zynische Satz ist ein teurer Befund für diesen versandeten Prozess, aber noch mehr für alle, die danach kommen. Weil Vertrauen in Personen und Organisationsstrukturen, nicht einfach neu aufgelegt werden kann, wenn sie enttäuscht wurden.

Scheinbeteiligung hinterlässt Spuren, die das nächste echte Beteiligungsangebot von vornherein belasten.


Zum WIE

Die wenigsten Prozesse scheitern, weil jemand schlechte Absichten hatte. Im Gegenteil: Meist wollen Leitungspersonen, Gruppen oder Gremien wirklich etwas verändern. Sie wollen starten und wissen nicht genau, wo und wie sie anfangen können, Ideen in eine Form zu gießen und Prozesse in den Alltag zu integrieren.

Was fehlt, ist nicht der Wille, sondern ein tragfähiges WIE-wirds-gemacht?.

Ein WIE, das von Anfang an klärt: Welche Entscheidungen liegen in diesem Prozess und welche nicht? Wer trägt Verantwortung für die strukturelle Verankerung von Ergebnissen? Welche Ressourcen — Zeit, Kontakte, Entscheidungsbefugnis — stehen wirklich zur Verfügung?

Auch diese Fragen sind allein keine Erfolgsgarantie. Aber sie verhindern, dass aus einem gut gemeinten Anfang eine Enttäuschung wird, sobald “zu viel Bewegung” drin ist. Denn das Versanden beginnt nicht, wenn die Motivation sinkt. Es beginnt meistens viel früher, wenn klar wird, dass die Handlungsspielräume nicht so groß sind, wie versprochen.


Wie oft warst du schon in der Wüste guter Ideen? Wie hast du wieder herausgefunden?