Der Satz aus der Kneipe und warum das Problem größer ist, als gedacht

Der Satz aus der Kneipe
Ich war ungefähr im zweiten Semester, als wir in der Kneipe saßen. Mit anderen Studis führten wir eins der Gespräche, die man nur führt, wenn man noch nicht weiß, wie groß die Dinge sind:
Dieses Problem der Theorie-Praxis-Lücke… das löse ich.
Ich habe das ganz beiläufig gesagt, als bräuchte es nur ein bisschen mehr Zeit, die richtigen Leute und die eine passende Idee. (Spoiler: Ich habe es noch nicht gelöst.)
Letzte Woche saß ich auf einer wissenschaftlichen Tagung. Kluge Leute, anschlussfähige Konzepte und Theorien, die ich spannend fand. In den Mittagspausen habe ich mit anderen immer heiß diskutiert. In diesen Runden stand noch jemand dabei, der rosa Elefant mit einer leisen, aber penetranten Stimme: Das landet nicht. Ich denke schon, vieles wäre anschlussfähig, aber der Raum zwischen hier und der Praxis da draußen klafft auseinander. In Zeiten in denen Soziale Arbeit durch klamme Kassen, Legitimationsfragen und Fachkräftemangel besonders unter Druck steht, muss sie sich zwischen Positionierung und Deprofessionalisierung behaupten.
Der Satz aus der Kneipe kam mir wieder in den Sinn, diesmal nicht ganz so beiläufig.
Die Lücke zwischen Theorie und Praxis ist kein neues Problem in der Sozialen Arbeit. Das weiß ich und das wissen alle aus dem Feld und in der Wissenschaft. Aber was mich die Heimfahrt über und auch jetzt zunehmend beschäftigt, ist, in welche Richtung es weitergeht. Fachkräfte arbeiten unter steigendem Spar- und Legitimationsdruck und Konzeptions- oder Beratungsstellen werden weggespart. Immer öfter übernehmen Quereinsteiger*innen Aufgaben, für die es eigentlich Profis mit Haltung, Handwerk und theoretischem Fundament bräuchte. Dokumentation und Projektstrukturen fressen die Zeit, die für echte Begegnung und Reflexion da sein müsste.
Die Wissenschaft denkt währenddessen weiter, entwickelt wichtige Konzepte, schafft Erkenntnisse und diskutiert diese auf Tagungen. Klar, auch hier gibt es Projektstrukturen, fiese Arbeitsstrukturen und Machtstrukturen, aber es geht hier um die Frage der Zusammenarbeit von Theorie und Praxis.
Der fehlende Transfer ist ein Strukturproblem. Es fehlen die Stellen, die Räume und die Ressourcen, die systematisch übersetzen.
Manche machen das bewusst, andere zufällig oder gelegentlich, aber die Frage ist, wie das fester Bestandteil professionellen Selbstverständnisses werden kann. Was ansonsten verloren geht ist teuer. Es ist der schleichende Abbau von professionellem Handeln und Denken nach Innen und Außen. Wenn Theorie und Praxis auseinanderdriften, verliert die Soziale Arbeit ihre eigene konzeptionelle Sprache und ihre Funktion Brücke zu sein zwischen Personen, Institutionen, Wissensformen. Soziale Arbeit wird reaktiv und gestaltet nicht mehr. Sie bearbeitet Symptome und verliert sich im Klein-klein, ohne die Strukturen benennen zu können, die dazu führen.
Ich bin Prozessbegleiterin und sitze oft genau in dieser Lücke dazwischen. Manchmal buchstäblich, beispielsweise auf Tagungen, wo Konzepte entwickelt werden oder vor Teams, die im Alltag nicht wissen, wo sie noch überall anfangen sollen. Ich kenne viele in dieser Zwischenposition — zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Anspruch und Alltag — und ich glaube, dass diese Zwischenposition nicht oft genug als eigenständige professionelle Rolle mitgedacht wird.
Brückenbauen darf kein Nebenjob sein, sondern gehört in den Fokus. Wir brauchen dann guten Willen, aber eben auch Struktur, Ressourcen und die kollektive Bereitschaft wirklich hinzuschauen.
Mein Statement in der Kneipe war naiv und hat das Problem nicht ansatzweise umrissen. Aber der Kern bewegt mich heute einmal mehr: Welches Scharnier können wir zwischen Theorie und Praxis einbauen und zwar systematisch, nicht zufällig?