Wenn „besser“ noch lange nicht „gut genug“ ist – Über pädagogisches Handeln dazwischen

Wenn „besser“ noch lange nicht „gut genug“ ist – Über pädagogisches Handeln dazwischen

Wie oft habe ich die Probleme, Bedarfe und Möglichkeiten in Situationen gesehen und konnte doch nicht alles angehen, was gut und nötig gewesen wäre. Schlicht, weil Zeit, Strukturen und Personen gefehlt haben, die in der Situation aus einem “besser” auch ein “gut genug” oder sogar ein “genau richtig” gemacht hätten. Diese Zerissenheit kenne ich aus Reflexionsgesprächen mit Kolleg*innen und Teams zu genüge: Der Kinderschutzfall, bei dem sie der Familie gern noch mehr an die Hand geben wollten, die Ferienausfahrt bei der wir nicht alle Kids mitnehmen konnten, weil es finanziell nicht drin war oder die Geflüchtetenunterkunft, in der doch kein Ruheraum ermöglicht werden kann.

Es gibt Fälle, die mich bis heute begleiten und bei jedem habe ich mehr gelernt auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn das Fundament löchrig ist. Denn nichts zu machen, ist eben auch keine Lösung und lähmende Perfektionsansprüche helfen nicht weiter.

Ein kleiner Einblick

Es war ein Streit in einer Familie, der eskalierte. Die Kinder beobachteten Gewalt zwischen den Eltern und Polizei und Krankenwagen mussten anrücken. Die ersten Reaktionen liefen, wie über Jahre auch und waren funktional, aber nicht wirklich auf Schutz, eher auf Einschüchterung, ausgelegt. Ich kam erst später dazu und merkte: Die Akutsituation war vorbei und ein Loch gestopft, aber nur notdürftig.

Dieser Fall wurde behandelt als Unruhe in der Nachbarschaft, war es irgendwie ja auch. Aber er war eben auch der Ausdruck einer extrem angespannten Situation in der Familie, in der Kinder und Mutter nicht ausreichend geschützt werden konnten. Alle haben so gehandelt, wie sie es sonst auch tun, formal wurde sich an die richtigen Leute gewandt und die Situation wurde aufgelöst. Nur zeigte sich, wie wenig Sensibilität für Gewaltdynamiken und Schutzstrukturen vorhanden waren. Meldeketten, fachliche Einschätzungen und Sicherheit fehlten… allen.

„Besser“ ist nicht „gut genug“

Mich erschreckte die Reaktion und ich war fassungslos, “dass das passieren konnte”. Zugleich wusste ich, dass ich verlieren würde, wenn ich jetzt gleich alles umkrempeln und alle vor den Kopf stoßen würde. Veränderung wächst langsam und trägt am besten, wenn Verständnis, Wissen und Kompetenz mitwachsen. Was haben wir also gemacht? Wir haben angefangen neue Wege zu bauen und aus der Situation gelernt: Schulungen, Kooperationspartner zum Thema, Fachkräfte zur Einschätzung benannt, Meldewege und Dokumentation geklärt, Nachbesprechungen festgelegt. Langsam und Stück für Stück.

War das besser? Ja, deutlich. War es gut genug? Nein. War es schnell genug? Irgendwas dazwischen. Hier zeigt sich, dass besser ein Prozess ist, kein Zustand.

Und hier ist die fiese Wahrheit: In der Arbeit im Sozialbereich wirst du immer wieder in Situationen sein, in denen du nicht das Optimale tun kannst. Egal wie viel du siehst, arbeitest, möglich machst: Das System um dich herum ist nicht so weit, nicht so ausgestattet, wie es nötig wäre. Gleichzeitig bist du mitten in Situationen und weißt, dass du nicht warten kannst, bis es perfekt ist, weil die Menschen schon da sind.

Handlungsfähig und gleichzeitig ambivalent

Was bedeutet das konkret? Fangen wir mit 3 Dingen an:

1. Annehmen, dass die Situation unvollkommen und unbefriedigend ist. Du wirst nie ein System haben, in dem jede Reaktion sofort, kompetent und perfekt läuft. Das ist die Realität komplexer sozialer Räume. Der erste Schritt zur Veränderung ist, das anzuerkennen ohne aufzugeben.

2. Trotzdem handeln, denn unvollkommene Strukturen sind keine Entschuldigung fürs Nichthandeln. Auch auf wackligem Fundament kannst du anfangen zu befestigen: Betroffene ansprechen, Kolleg:innen informieren, nachfragen, dokumentieren, weiterbilden… Dranbleiben. Du musst nicht auf das perfekte System warten, um im hier und jetzt etwas für die Leute und Probleme, die du kennst, zu tun.

3. Verbessern, was du kannst und benennen, was du nicht (allein) kannst. Jede Veränderung, die du in Gang setzt, ist ein Stück Fundament. Aber du musst auch sagen dürfen: „Das hier ist besser als vorher, aber es reicht noch nicht.“ Diese Ehrlichkeit zeigt eine professionelle Haltung und fachliche Einschätzung.

Neue, alte Erkenntnis

Viele Arbeitsbereiche ächtzen unter Ressourcendruck, Fachkräftemangel und wachsenden gesellschaftlichen Problemlagen. Hier gibt es keinen Plötzlich-alles-gut-Schalter. Hier gibt es nur Veränderungsschleifen: Du siehst ein Defizit, du baust etwas, du testest es, du merkst, wo es noch klemmt und du baust weiter. Das alles passiert mitten im Alltag und du baust während die Fälle weiterlaufen.

Du kannst nicht warten, bis die Struktur fertig ist und alle schützt und stützt. Also machst du beides, während du baust und ehrlich vertreten kannst: „Das, was ich heute tue, ist besser als gestern. Aber es ist nicht gut genug und deshalb baue ich weiter.“