Autor: tim.kamenik

  • Mut zur Einbildung!

    Mut zur Einbildung!

    Was bildest du dir eigentlich ein?

    Klar habe ich Ja gesagt! Zwei Monate vor einem Kongress war das eigentliche Planungsteam kurzfristig nicht mehr verfügbar, aber die Großveranstaltung schon angekündigt. Ich bekam einen Anruf von einer Bekannten aus meinem Netzwerk und was soll ich sagen: Es war so eine Anfrage, bei der es mich sofort in den Fingern kribbelte. Klar habe ich Ja gesagt und das wusste ich, wenn ich ehrlich bin, auch schon nach den ersten 5 Minuten im Telefonat. Danach habe ich nur noch über Rahmenbedingungen nachgedacht. Die Verantwortung lag vor mir, jemand hat gefragt, ob ich einspringen kann und ich war drin, bevor ich alle Feinheiten durchdacht hatte. Das Thema, das Netzwerk, das bunte Tummeln auf so einer Veranstaltung und dann auch noch selbst Begegnungsmomente gestalten, diese Mischung zieht mich an.

    Ich bin Fan von diesen Feinheiten, die man nicht gleich bemerkt, die aber das Bild schließlich abrunden und die Stimmung beeinflussen.


    Der Kongress kommt ins Rollen

    Also startete ich mitten rein. Mit einem kleinen Kernteam ging es an den Überblick, Briefing für alle Beteiligten, Werbung, Orgaplanungen und und und. Was mich in den nächsten zwei Monaten immer mal wieder eingeholt hat, war nicht die Arbeit, sondern mein eigener Anspruch. Anfangs haben wir aus Zeitgründen einige Rahmenbedingungen in der Organisation und im Programm nicht hinterfragt und einfach mit dem gearbeitet was da ist. Gegen Ende hätten wir hier gerne doch noch das ein oder andere verändert, aber dafür war keine Zeit mehr. Ich habe oft von Anfang an ein Bild im Kopf, ein klares Gefühl zur Stimmung im Raum und daraus ergeben sich nach und nach die Methoden und Situationen, die das tragen. Das hat auch diesmal geklappt, mit dem klaren Motto “Done is better than perfect”.


    Jetzt läufts!

    Der Kongress lief und in der Woche vorher flatterten nochmal einige Anmeldungen in Haus. Menschen kamen, es gab Kaffee, gute Gespräche und diese Momente, wo sich zeigt: Das ist es Wert, das ist echt. Hier wachsen Mut, Ideen und Projekte.

    Was vorher Durcheinander war, war plötzlich vom Tisch. Solche Veranstaltungen können einen lange begleiten, sogar noch länger, wenn sie nicht isoliert stehen. Bildungsarbeit im sozialen Bereich braucht Veranstaltungen, wie den Kongress, als Moment in einem Prozess. Dazu braucht es Menschen, die sich verantwortlich fühlen und sehen “Da geht noch was.” Das passiert täglich in Koordinationsstellen, in Freiwilligenarbeit, in mittleren Führungsebenen, die nach oben funktionieren und nach unten halten. Der Kongress lies am Ende auch Platz genau für diese Gespräche: Selbstversicherung und Ermutigung für Menschen, die bleiben und weiter in Organisationen arbeiten, die unter Druck stehen.


    Was bildest du dir eigentlich ein?

    Erst war es ein internes Wortspiel zur Bildungsarbeit, dann ein Satz, der mich nicht loslässt. Mir gefallen die verschiedenen Ebenen darin.

    Erstens: Die subtile Arroganz, die mitschwingt, wenn jemand eingebildet ist – eine Fähigkeit die wir im Sozial- und Bildungsbereich oft nicht gut beherrschen. Nach innen gibt es schöne Treffen, Berichte oder Dankesfeste, weil richtig viel läuft. Nur fehlt es nach Außen oft an der “Einbildung”, das auch laut und sichtbar in die Welt zu tragen und über die Konsequenzen zu sprechen, wenn diese Arbeit nicht passiert. Wer leidet dann?

    Zweitens: Was stellst du dir vor? Was ist dein Anspruch, dein Bild davon, was möglich wäre, in deiner Organisation, in deiner Rolle, in deiner Arbeit mit Menschen? Was ist deine kleine große Utopie?

    Und drittens, leiser: Bildest du dir das vielleicht nur ein? Dass es zählt und du wirklich was verändern kannst? Dass die Strukturen, in denen du arbeitest, deinen Einsatz irgendwann zurückspiegeln und es Früchte trägt?

    Das ist der Zwischenraum, in dem viele arbeiten. Zwischen dem Anspruch – Bildung als Haltung, als Begegnung und echte Veränderung – und der Wirklichkeit aus Spardruck, Personalmangel und Anfragen, die zwei Monate vor Veranstaltungsbeginn kommen.


    Mut zur Einbildung!

    Ich feiere uns, dass der Kongress durchlief und viele Menschen danach meinten, wie gut sie sich aufgehoben gefühlt haben, wie passend die Räume geöffnet wurden. Ich weiß, dass es das wert war, auch wenn es nicht alle Probleme löst. Der Bereich lebt von stetiger Arbeit und es gibt immer Arbeitsspitzen, wichtig ist es kontinuierlich dranzubleiben.

    Ich habe aufgehört, so zu tun, als wäre das selbstverständlich. Was ich immer wieder lerne und meinen Kundinnen in der Planung mitgebe ist die Frage:

    Wo auf der Veranstaltung wirst du sichtbar? Diese kleine Frage entscheidet über den Mut zur Einbildung für dich und deine Sichtbarkeit und für deine Ziele.

    Nicht um anderen den Raum wegzunehmen, sondern um dich und deinen Anteil sichtbar zu machen und teil der Wahrnehmung zu sein, um dich abzusichern. Und die zweite Frage: Wie, wann und mit wem feierst du deine Erfolge? Das muss nicht lang sein, aber hilft den Anlauf für das nächste Projekt zu nehmen.

  • Zwei Sprachen und wo ist jetzt die Brücke?

    Zwei Sprachen und wo ist jetzt die Brücke?

    Zwei Sprachen und wo ist jetzt die Brücke?

    Manche Kooperationen scheitern immer wieder am selben Punkt, noch bevor sie begonnen haben. Oft ist das kein Kommunikationsproblem, sondern ein strukturelles Problem, wenn verschiedene Logiken aufeinander treffen. Der Sozialarbeiter, der fragt: Wie können wir diesem Menschen einen Weg zurück ermöglichen? Die Behördenvertreterin, die fragt: Wie verhindern wir, dass dieser Mensch Schaden anrichtet?

    Meistens lohnt sich auch ein Blick auf die Stuktur. Wo gehen Erwartungen und Rollen auseinander? Was sind die jeweiligen Aufträge? An welchen Stellen kann zusammengearbeitet werden und wo aber auch nicht?


    Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit haben wir diese Systemlogiken in einem Vortrag zur Radikalisierungsprävention gezeigt. Soziale Arbeit arbeitet mit einer Ermöglichungslogik: Sie fragt nach Bedingungen, nach Beziehungen, nach dem, was Menschen brauchen, um sich anders zu entscheiden. Sie schafft Räume und begleitet Prozesse, die Zeit brauchen und nicht linear verlaufen. Ihre Mandate bewegen sich zwischen Individuum, Profession und Staat.

    Sicherheitsbehörden arbeiten mit einer Verhinderungslogik: Sie fragen nach Risiken, nach Wahrscheinlichkeiten, nach dem, was eine Gesellschaft vor Schaden schützt. Sie treffen Entscheidungen unter Zeitdruck mit dem Mandat öffentlicher Sicherheit, das Prävention und Intervention stark macht.

    Gelingende Kooperationen brauchen neben (persönlicher) Kommunikation einen Abgleich über institutionelle Aufträge. Wird das nicht benannt, drohen Kooperationen, oft scheinbar unvermittelt, zu scheitern.


    Dieser Extraschritt erspart Enttäuschung und viel Zeit “für nichts” im Nachgang. Wenn Kooperationen scheitern, dann ist das ein Verlust für beide Seiten. Radikalisierungsprävention ist ein Feld, das von den verschiedenen Perspektiven profitiert: Ermöglichung und  Begrenzung, Beziehung und  Intervention. Meistens lohnt sich ein Blick auf die Stuktur. Wo gehen Erwartungen und Rollen auseinander? Was sind die jeweiligen Aufträge? An welchen Stellen kann zusammengearbeitet werden und an welchen aber auch nicht?

    Das fühlt sich an wie Vokabel lernen. Kooperationen können gelingen, wenn eine Sozialarbeiterin versteht, was eine Behörde unter Gefährdung versteht oder umgekehrt ein Behördenmensch versteht, was Soziale Arbeit meint, wenn sie von Vertrauen als Arbeitsgrundlage spricht.

    Vokabeln lernen heißt nicht, die eigene Sprache aufzugeben, aber den Wortschatz zu erweitern.


    Es liegt eine Gefahr daran, sich unterschiedliche institutionelle Logiken und Erwartungen nicht zu vergegenwärtigen. Soziale Arbeit steht unter Legitimationsdruck und muss sich gegenüber Trägern, gegenüber Politik und gegenüber einer Öffentlichkeit rechtfertigen. Gerde in komplexen Handlungsfeldern ist es herausfordernd, schnelle Antworten auf große Probleme parat zu haben. Unter diesem Druck ist die Versuchung groß, sich anzupassen und die eigene Logik “um des lieben Friedens Willen” in die Sprache der Messbarkeit und der Risikominimierung zu übersetzen oder sich aus diesen strukturellen Fragen gleich ganz zurückzuziehen.

    Das wäre im Angesicht multipler Krisen ein Fehler. Immerhin betreibt Soziale Arbeit schon immer Radikalisierungsprävention, auch wenn sie das nicht explizit benennt. Indem sie nah an Menschen arbeitet, Strukturen für soziale Gerechtigkeit baut und immer wieder zwischen verschiedenen Positionen abwägt und vermittelt, leistet sie einen zentralen Beitrag zur Stabilisierung einer Demokratie.

    Würde sich nun Soziale Arbeit aus dem Diskurs um Radikalisierungsprävention raushalten, überlässt sie das Feld anderen. Im schlimmsten Fall wird sie geschluckt und ist höchstens noch Zuarbeiterin von Sicherheitslogiken, die ihre Mandate auf den Kopf stellen und weit Weg sind von einem professionellen sozialarbeiterischem Beitrag. Die Alternative einer Kooperation auf Augenhöhe ist anstrengend, aber lohnt sich.

    Klare Positionen lassen Kooperation und Abgrenzung zu. Mit dem Wissen kann man ausloten, wann man gemeinsam handelt und wann man sagt: bis hierher und nicht weiter.

    Das ist keine einfache Aufgabe und sicherlich kennst du Situationen, in denen Kooperationen nicht halten. Dafür gibt es verschiedene Gründe, beispielsweise wenn der Druck zu groß ist, die Ressourcen zu knapp sind oder die Erwartungen zu widersprüchlich werden. Tapp hier nicht in die Falle und nimm das persönlich, sondern halte einen Moment inne und reflektiere über strukturelle Voraussetzungen. Das Benennen von Strukturen und Handlungslogiken ist der erste Schritt, um nicht nur im Einzelfall und persönlicher Sympathie zu verweilen, sondern auf Systemebene etwas zu gestalten.

  • Ich bin früher gegangen, oder: Wie Begegnungen nicht nur zufällig passieren

    Ich bin früher gegangen, oder: Wie Begegnungen nicht nur zufällig passieren

    Ich bin früher gegangen, oder: Wie Begegnungen nicht nur zufällig passieren

    Ich hatte mich schon eine Weile auf die Abendveranstaltung gefreut und war etwas aufgeregt, wen ich wohl alles kennenlernen könnte. Netzwerken, interessante Gespräche führen und ein gutes Essen waren mein Plan. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass eigentlich nur das gute Essen passieren würde. Am Eingang wurde ich nett begrüßt und drinnen waren so viele Leute, wobei die meisten schon saßen. Ich stellte mich also in die Essensschlange, um vielleicht noch jemanden zu erwischen. Einen einzelnen Platz konnte ich ergattern, aber so richtig ins Gespräch kam ich mit niemandem. Die Menschen um mich herum kannten sich schon und erzählten sich ihre Neuigkeiten. Sie schlossen mich nicht aktiv aus, aber es gab auch keine neuen Anknüpfungspunkte. An diesem Abend habe ich nett gegessen, hier und da über Belangloses geplaudert und bin sehr früh wieder gegangen.


    Jenseits des Smalltalk

    Kurz einen Einstieg suchen übers Wetter oder das Essen, kein echtes Thema finden und den Smalltalk dann etwas peinlich berührt beenden, noch ein Getränk holen, aufs Handy schauen, noch ein Getränk holen und irgendwann früher gehen. Das hat nicht nur mit eigenen Vorlieben und Fähigkeiten zu tun, sondern auch mit der Aufbereitung einer Veranstaltung. In diesem Beispiel fehlt Struktur zum Kennenlernen, denn Begegnungen passieren hier entweder aufgrund von Bekanntheit, Zufall oder großer Überwindung.

    Begegnung passiert nicht einfach, weil viele Menschen im selben Raum sind. Es hilft sehr einen kleinen methodischen Rahmen zu schaffen, der Begegnungen nicht nur dem Zufall überlässt.

    Dieses Muster kenne ich aus vielen Planungen oder Reflexionen. Man geht davon aus, dass Menschen sich schon irgendwie zusammenfinden und Austausch von alleine entsteht (Spoiler: Passiert nicht immer.). Netzwerk ist netzwerken und das liegt manchen eben besser als anderen. Wer zum ersten Mal kommt, sich vielleicht auch nicht überall dazusetzen will oder auch weil der Raum es schlicht nicht hergibt bleibt draußen.

    Das lässt sich aber mitdenken, denn kleine Methoden im Tagungsdesign bewirken hier Gesprächsanlässe, die die Atmosphäre deiner Veranstaltung prägen können. Es braucht nichtmal unbedingt Kennenlernspielchen, die alle peinlich finden (die aber trotzdem immer lustig sind, Verbindung schaffen und Erinnerungswert haben!). Was es braucht, sind kleine, durchdachte Momente, die Begegnung wahrscheinlicher machen. Nicht nur Newcomer müssen sich dann aktiv einbringen, sondern alle sind eingeladen, nochmal neu einzusteigen.


    Kleine Momente mit großer Begegnungs-Wirkung

    Strukturiere das Ankommen schon bevor das Programm startet. Ein kurzes Format zu Beginn reicht hier aus, manchmal auch schon in der Phase des Ankommens, noch vor der Begrüßung. Das kann eine Frage oder ein Auftrag sein, vielleicht ein Austausch zu zweit. Wer noch niemanden kennt, ist in diesem Moment genauso gefragt, wie alle anderen. Du kannst auch Fragen unterbringen, die das Tagesthema streifen. Dieses Zeitfenster kann für manche der Gamechanger des Tages sein.

    Nutze die Sitzordnung als Einladung. Wenn Menschen sich selbst setzen, setzen sie sich meist zu denen, die sie kennen. Eine durchmischte Sitzordnung nach Regionen, nach Funktionen oder nach dem Zufallsprinzip kann eine Einladung zum Kennenlernen sein. Auf diese Weise können erste Gemeinsamkeiten gefunden werden.

    Begrüße alle herzlich, besonders neue Menschen. Eine aktive Begrüßung ist ein Signal an alle: Wer heute zum ersten Mal hier ist, ist willkommen und wir alle sind verantwortlich für ein gutes Ankommen. Ein kurzer Moment im Programm, eine Ansprechperson und ein ehrliches Willkommen verändert die Perspektive der Gruppe.


    “Ach-hätte-ich-doch-mal”-Momente

    Ich habe das auf dieser Veranstaltung nicht zum ersten Mal gedacht, aber ich habe es wieder gespürt und stand da mit meinem Getränk in der Hand, auf der Suche nach einem Einstieg. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, wie viele Menschen diese Veranstaltung noch verlassen haben mit dem Gefühl: “Wieder hab ich’s nicht geschafft, hätte ich doch mal diese eine schlaue Frage gestellt. Das ist einfach nichts für mich.”

    Aber vielleicht, ziemlich sicher sogar, hätte es Anknüpfungspunkte geben, die waren nur nicht offensichtlich. Wer Veranstaltungen organisiert und Räume gestaltet – ob es nun das nächste Meeting, die Jahresversammlung des Vereins oder eine wichtige Tagung ist: Es lohnt sich, kurz innezuhalten und zu überlegen, für wen dieser Raum eigentlich gemacht ist und was passieren soll. Was bräuchte es dann, damit mehr Begegnung passiert?

  • Der Satz aus der Kneipe und das große Problem

    Der Satz aus der Kneipe und das große Problem

    Der Satz aus der Kneipe

    Ich war ungefähr im zweiten Semester, als wir in der Kneipe saßen. Mit anderen Studis führten wir eins der Gespräche, die man nur führt, wenn man noch nicht weiß, wie groß die Dinge sind:

    Dieses Problem der Theorie-Praxis-Lücke… das löse ich.

    Ich habe das ganz beiläufig gesagt, als bräuchte es nur ein bisschen mehr Zeit, die richtigen Leute und die eine passende Idee. (Spoiler: Ich habe es noch nicht gelöst.)

    Letzte Woche saß ich auf einer wissenschaftlichen Tagung. Kluge Leute, anschlussfähige Konzepte und Theorien, die ich spannend fand. In den Mittagspausen habe ich mit anderen immer heiß diskutiert. Diesen Runden wohnte noch jemand bei, der rosa Elefant mit einer leisen, aber penetranten Stimme: Das wird nichts. Ich denke schon, vieles wäre anschlussfähig, aber der Raum zwischen hier und der Praxis da draußen klafft auseinander. In Zeiten in denen Soziale Arbeit durch klamme Kassen, Legitimationsfragen und Fachkräftemangel besonders unter Druck steht, muss sie sich zwischen Positionierung und Deprofessionalisierung behaupten.

    Ich weiß nicht warum, aber der Satz aus der Kneipe kam mir wieder in den Sinn, diesmal nicht ganz so beiläufig.


    Die Lücke zwischen Theorie und Praxis ist kein neues Problem in der Sozialen Arbeit. Das weiß ich und das wissen alle aus dem Feld und in der Wissenschaft. Aber was mich die Heimfahrt über und auch jetzt zunehmend beschäftigt, ist, in welche Richtung es weitergeht. Fachkräfte arbeiten unter steigendem Spar- und Legitimationsdruck und Konzeptions- oder Beratungsstellen werden weggespart. Immer öfter übernehmen Quereinsteiger*innen Aufgaben, für die es eigentlich Profis mit Haltung, Handwerk und theoretischem Fundament bräuchte. Dokumentation und Projektstrukturen fressen die Zeit, die für echte Begegnung und Reflexion da sein müsste. Die Bewegungen sind in ihrer Gleichzeitigkeit und Schlagkraft eine denkbar ungünstige Konstellation und viele merken das schon jetzt ganz konkret in ihrem Alltag.

    Die Wissenschaft denkt währenddessen weiter, entwickelt wichtige Konzepte, schafft Erkenntnisse und diskutiert diese auf Tagungen. Klar, auch hier gibt es Projektstrukturen, fiese Arbeits- und Machtstrukturen, aber es geht hier um die Frage der Zusammenarbeit von Theorie und Praxis.

    Der fehlende Transfer ist ein Strukturproblem. Es fehlen Stellen, Räume und Ressourcen, die systematisch übersetzen.

    Manche machen das bewusst, andere zufällig oder gelegentlich, aber die Frage ist, wie das fester Bestandteil professionellen Selbstverständnisses werden kann. Was ansonsten verloren geht ist teuer. Es ist der schleichende Abbau von professionellem Handeln und Denken nach Innen und Außen. Wenn Theorie und Praxis auseinanderdriften, verliert die Soziale Arbeit ihre eigene konzeptionelle Sprache und ihre Funktion Brücke zu sein zwischen Personen, Institutionen und Wissensformen. Soziale Arbeit wird reaktiv und gestaltet nicht mehr. Sie bearbeitet Symptome und verliert sich im Klein-klein, ohne die Strukturen benennen zu können, die dazu führen – geschweige denn sie zu verändern.


    Ich bin Prozessbegleiterin und sitze oft genau in dieser Lücke. Manchmal buchstäblich, beispielsweise auf Tagungen, wo Konzepte entwickelt werden oder vor Teams, die im Alltag nicht wissen, wo sie noch überall anfangen sollen. Ich kenne viele in dieser Zwischenposition – zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Anspruch und Alltag – und ich glaube, dass diese Zwischenposition nicht oft genug als eigenständige professionelle Rolle mitgedacht wird.

    Brückenbauen darf kein Nebenjob sein, sondern gehört in den Fokus. Wir brauchen dann guten Willen, aber eben auch Struktur, Ressourcen und die kollektive Bereitschaft wirklich hinzuschauen.

    Mein Statement in der Kneipe war naiv und hat das Problem nicht ansatzweise umrissen. Aber der Kern bewegt mich heute einmal mehr: Welches Scharnier können wir zwischen Theorie und Praxis einbauen und zwar systematisch, nicht zufällig?

  • Die Wüste guter Ideen, oder: Warum Prozesse oft scheitern, bevor sie richtig wirken können

    Die Wüste guter Ideen, oder: Warum Prozesse oft scheitern, bevor sie richtig wirken können

    Die Wüste guter Ideen, oder: Warum Prozesse oft scheitern, bevor sie richtig wirken können

    Viele Prozesse starten mit guten Ideen und hoher Bereitschaft. Alle sitzen mit am Tisch und sehen das Thema mit ehrlichem Interesse: Ein Auftakt-Treffen, eine Projektgruppe und ein erster Abstecher ins Thema sind gemacht. Alle bemerken die Energie und das Thema schwingt auf dem Flur mit. Und dann… wird es mühsam. Nicht plötzlich und mit einem Knall, eher so, wie ein Gespräch leiser wird.

    Der Prozess versandet langsam in der Wüste guter Ideen. Ich habe solche Prozesse schon ein paar mal erlebt, manchmal zur nächsten Oase begleitet, manchmal nicht verhindern können, dass es mittendrin eine Durststrecke gibt. Es ist erschreckend oft dasselbe Muster.


    Manche nennen es Boykott, ich nenne es Schutz

    Wenn ich solche Prozesse auf den Tisch bringe und mit Führungspersonen spreche, höre ich ähnliche Sätze: Die Anderen wollen nicht wirklich, blockieren den Prozess, bringen sich nicht ein, übernehmen keine Verantwortung, so kann das ja nichts werden. Ich erlebe das anders.

    ‘Die anderen wollen einfach nicht, da können wir nichts machen.’, ist die falsche Ebene.

    Denn genauer hingeschaut, erlebe ich Menschen, die schon mehrfach Prozesse mitgestaltet haben. Die sich eingebracht haben, Ideen hatten, Energie investiert haben… und am Ende erlebt haben, dass nichts davon dauerhaft etwas verändert. Es gibt dann Empfehlungen in Ordnerstrukturen versteckt oder Ideen für strukturelle Entscheidungen, die aber nie getroffen wurden. Und so wurde aus einem Beteiligungsprozess ein hübsches Papier, das ganz geduldig in einer Schublade wartet.

    Menschen, die versandete Prozesse schon oft erlebt haben, boykottieren nicht. Sie schützen sich vor viel Arbeit und der nächsten Enttäuschung.

    Das ist der Unterschied im Blickwinkel, der alles verändert. Hier hinzuschauen braucht Ehrlichkeit, Mut und Bereitschaft.


    Das gemeine Wort “Scheinbeteiligung”

    Es gibt einen Begriff dafür, auch wenn er sicherlich auf keiner Ziele-Liste auftaucht: Scheinbeteiligung.

    Prozesse, die so aussehen, als ob Mitarbeitende oder Ehrenamtliche wirklich mitgestalten können. Die anfangs auch so gemeint sein mögen. Und die trotzdem scheitern, weil eine entscheidende Frage nicht geklärt wurde und dann schon viel Bewegung drinsteckte:

    Was darf dieser Prozess eigentlich verändern?

    Visionen und Zielen sind oft formuliert, aber was bedeuteten sie ganz konkret: Wenn am Ende dieses Prozesses jemand sagt, wir brauchen eine andere Schnittstelle zur Leitungsebene, eine andere Entscheidungsstruktur, eine andere Ressourcenverteilung — gibt es dann strukturelle Veränderungen?

    Diese Frage ist entscheidend für gelingende Prozesse und wird zu selten gestellt, bevor es losgeht. Die zusätzliche Arbeit tragen dann häufig die Üblichen und werden erneut um ihr Vertrauen in die Organisation gebracht. So werden die Motivierten mit zusätzlicher Arbeit “belohnt” (aka: Das ist eine gute Idee, arbeite dafür doch mal was aus!) und eigentlich abgestraft (aka: Du immer mit deinen Ideen, das macht uns allen doch noch mehr Arbeit).


    In der Wüste gut gemeinter Ideen

    Das Versanden passiert dann nicht in einem konkreten Entscheidungsmoment. Es ist ein Prozess im Prozess: Themen verschwinden von der Tagesordnung, Ergebnisse werden nicht eingehalten, Kommunikation schläft ein, Verbindlichkeit geht verloren. Alles passiert nicht aus bösem Willen, sondern weil der Alltag den Prozess einholt und in die Wüste schickt.

    Und dann heißt es auf dem Flur irgendwann: “Das war klar, es ist halt wie immer.”

    Dieser zynische Satz ist ein teurer Befund für diesen versandeten Prozess, aber noch mehr für alle, die danach kommen. Weil Vertrauen in Personen und Organisationsstrukturen, nicht einfach neu aufgelegt werden kann, wenn sie enttäuscht wurden.

    Scheinbeteiligung hinterlässt Spuren, die das nächste echte Beteiligungsangebot von vornherein belasten.


    Zum WIE

    Die wenigsten Prozesse scheitern, weil jemand schlechte Absichten hatte. Im Gegenteil: Meist wollen Leitungspersonen, Gruppen oder Gremien wirklich etwas verändern. Sie wollen starten und wissen nicht genau, wo und wie sie anfangen können, Ideen in eine Form zu gießen und Prozesse in den Alltag zu integrieren.

    Was fehlt, ist nicht der Wille, sondern ein tragfähiges WIE-wirds-gemacht?.

    Ein WIE, das von Anfang an klärt: Welche Entscheidungen liegen in diesem Prozess und welche nicht? Wer trägt Verantwortung für die strukturelle Verankerung von Ergebnissen? Welche Ressourcen — Zeit, Kontakte, Entscheidungsbefugnis — stehen wirklich zur Verfügung?

    Auch diese Fragen sind allein keine Erfolgsgarantie. Aber sie verhindern, dass aus einem gut gemeinten Anfang eine Enttäuschung wird, sobald “zu viel Bewegung” drin ist. Denn das Versanden beginnt nicht, wenn die Motivation sinkt. Es beginnt meistens viel früher, wenn klar wird, dass die Handlungsspielräume nicht so groß sind, wie versprochen.


    Wie oft warst du schon in der Wüste guter Ideen? Wie hast du wieder herausgefunden?

  • Wirksam sein, oder: Was bedeutet Expertise?

    Wirksam sein, oder: Was bedeutet Expertise?

    Wirksam sein, oder: Was bedeutet Expertise?

    Ich habe lange nach meinem Thema gesucht, mit viel Antrieb und noch mehr Fragezeichen: Ich habe gesucht, verglichen, ausprobiert, mich verheddert.

    Irgendwann war da dieses Knäul aus spannenden Ideen, Kontakten, Projekten – alles spannend, vieles inspirierend und nichts mehr wirklich klar.

    Und ich mittendrin, mit dem leisen Verdacht, dass ich vielleicht einfach zu unspezifisch bin für eine Welt, die ständig nach der einen klaren Expertise fragt. Die eine Nische. Das eine Thema, das auf eine Visitenkarte passt und in drei Sekunden erklärt werden kann.

    Ich habe es nicht gefunden, obwohl ich lange gesucht habe. Neulich habe ich bemerkt: Ich habe dran vorbei geschaut.


    Das bunte Knäul

    Wenn ich auf die letzten Jahre schaue, sehe ich kein Rotes-Faden-Thema. Ich sehe Demokratiebildung, vielfältiges Zusammenleben, Schutzkultur und Prävention. Ich sehe Ehrenamtsstrukturen, die brennen und gleichzeitig erschöpfen. Ich sehe Gespräche mit Menschen auf der Straße, die eigentlich nur einen Ort brauchen, mal wieder ein echtes Gespräch zu führen. Ich sehe Kirchengemeinden, die Veränderung wollen und sie gleichzeitig fürchten. Ich sehe Führungskräfte in sozialen Organisationen, die zwischen Anspruch und Alltag zerrieben werden und trotzdem weitermachen, weil sie es nicht anders kennen oder das immer noch die beste Lösung scheint.

    Das sind viele lose Enden, manche verknotet. So fühlte sich das auch an und ich sträubte mich, etwas „so richtig“ zu machen. Ich wollte das alles entwirren, bevor ich wirklich anfange. Ich wusste noch nicht, dass ich gar nicht weit weg war.

    So oft habe ich gehört: „Jetzt entscheide dich einfach mal.”


    Die leise Erkenntnis

    Nach vielen Gesprächen, Gedanken und einer großen Prise Zweifel, wo ich denn hinpassen könnte mit dem Gefühl „das passt“, machte sich eine leise Erkenntnis breit. Ich habe mühsam Knoten gelöst, nur um zu bemerken, was die ganze Zeit vor mir liegt: Ich möchte verstehen, was die Fäden zusammenhält und das ist ganz simpel:

    Meine Expertise liegt nicht im WAS. Sie liegt im WIE.

    Das klang für mich zunächst nach einer Ausrede, um mich doch nicht entscheiden zu müssen. Daraus lässt sich keine Nische machen oder ein spezifisches Thema finden, es ist noch ein vages “ich begleite Prozesse”. Aber in meiner Arbeit, meinen Ideen, meinen Begegnungen der letzten Jahre findet sich genau das als Muster.

    Ich bringe Menschen und Strukturen in Bewegung. In einem Knäul widersprüchlicher Erwartungen, unausgesprochener Spannungen und gutem Willen liebe ich Momente, die ein “Ach so, ja, so gehts!” auslösen. Wenn ich Räume öffnen kann, in denen echte Gespräche möglich werden, nicht nur die höflichen Smalltalk-Floskeln, sondern die notwendigen Karten auf den Tisch kommen. Wenn ich aus kleinen, einzelnen Projekten Prozesse gestalten kann, die tragen, statt erschöpfen.

    Das ist es, was mich antreibt. Egal ob es um Widerstände in der Schutzkultur geht, um Haltungsarbeit in sozialpädagogischen Teams, oder um Beteiligung und Demokratiebildung im Ehrenamt. Das Thema wechselt, aber die Haltung und Herangehensweise bleiben.


    Kennst du solche Knoten?

    Von solchen Knoten höre ich an allen Stellen, mit denen ich bisher gearbeitet habe. Alle kennen diese euphorisch begonnenen Prozesse, die langsam versanden oder großen Widerständen gegenüberstehen. Oder diese Menschen, die einfach anfangen Lösungen zu bauen, auch wenn der Alltag bremst und dann in einer Organisation und Rolle sitzen, die ständig nach Klarheit, Spezialisierung und der eindeutigen Zuständigkeiten fragen. Dabei ist die Wirklichkeit meist viel komplizierter und die Lösung nur gemeinsam und mit kreativen Zugängen sichtbar. Hier braucht’s ein tragfähiges WIE für ein zu lösendes WAS. Leichtigkeit oder Anstrengung liegen hier eng beieinander und zeigen sich zwischen Anspruch und Alltag, zwischen Idee und Umsetzung, zwischen dem, was eine Organisation sein will, und dem, was sie gerade lebt.

    Genau da arbeite ich: Nicht mit Lösungen, sondern mitten im Prozess, nah an Menschen und nah an Strukturen.