Lose-Lose-Lose: Was passiert, wenn Einsparungen die Beziehungen kosten?

Lose-Lose-Lose: Was passiert, wenn Einsparungen die Beziehungen kosten?

Die Kollegin aus der Koordinationsstelle hat den Termin abgesagt. Ihr hattet eigentlich wieder ein gemeinsames Projekt angedacht, aber sie ist grade dabei irgendwo doch noch Fördergelder zu erwischen. Denn ihre Kapazitäten werden weiter gekürzt und Besuche darf sie, angewiesen von oben, nur noch in begründeten Ausnahmefällen machen. Vielleicht fällt ihre Stelle zum Ende des Jahres auch ganz weg, bis dahin wäre noch so viel Abwicklung zu tun, um das, was geht irgendwie zu retten und die vielen Engagierten zumindest würdig und mit Dank, Mut und warmen Worten zu verabschieden. Also gibts erstmal nur ein kurzes Telefonat oder hier und da eine weitergeleitete Mail.

Wer sich nur die Tabelle anschaut, ist nach einer kurzen Zeit recht zufrieden. Die Reisekosten und die Arbeitszeit gehen zurück. Sie kann die Zeit für anderes einsetzen und ist präsenter im Büro, aber auch irgendwie stiller. Was die Zahlen nicht zeigen: Wie ein Ehrenamtlicher entmutigt aufhört oder den Moment im Flur vor der Sitzung, in denen abseits von Protokollen gesprochen wird. Das entstandene Vertrauen trägt sie noch eine Weile, aber irgendwann verliert man auch die liebsten Mails im Postfach aus dem Blick.

Ist ja nur ein Termin

Die Einträge im Kalender werden weniger und vielleicht schafft sie es deswegen auch endlich diese eine Konzeption fertig zu machen, die schon ewig liegt. Aber mit jedem Termin weniger ergibt sich einmal weniger die Möglichkeit, dass aus einer Koordinationsstelle eine verlässliche Bezugsperson wird. Die Akteur*innen vor Ort zu kennen, abseits von Protokollen menschlich Bescheid zu wissen, Konflikte zu kennen und Stimmungen einschätzen zu können oder auch einfach mal “auf dem kurzen Dienstweg” einen Kontakt herstellen, das alles passiert nicht zufällig und nicht von allein.

Diese Art von Wissen ist die wahre Kunst des Netzwerkens, weil Struktur und Menschen gleichermaßen gesehen und mitgedacht werden.

Das entsteht an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Anlässen, aber in den seltensten Fällen vom Schreibtisch aus. Manche Kontakte lassen sich planen, aber viele ergeben sich auch ganz zufällig, weil zwei Leute einfach da sind und offen zuhören, nachfragen und im richtigen Moment aneinander denken.

Diesen Teil der Arbeit nenne ich das Herzstück davon, denn hier gehen Türen auf, die du vorher nicht kanntest und herzlicher wirds zusammen allemal. Ich hatte enge Kolleginnen von außerhalb, mit denen ich regelmäßig Kaffee getrunken habe, obwohl uns auf dem Papier wenig verband. Wir waren uns zufällig auf einer Tagung oder einer Fortbildung begegnet und schon beim ersten Kontakt war klar, dass es gefunkt hat. Eine tragfähige Form der Zusammenarbeit bauten wir uns selbst und kamen in den jeweiligen Aufträgen und Zielen unserer Stellen viel schneller viel weiter. Wir öffneten uns Türen in Gremien, teilten Wissen und Vorarbeit und schufen uns so einen Vorsprung, weil nicht jede das Rad immer neu erfand.

Eine Lose-Lose-Lose-Situation

Die Kollegin aus der Koordinationsstelle verliert den Sinn und das Herzstück ihrer Arbeit. Sie weiß, was alles nicht mehr möglich sein wird ohne die kleinen Handgriffe. Immer war sie nah dran an den Menschen und konnte so sehr gut einschätzen, was es grade braucht. Manchmal war das gar nicht viel, aber weil sie so eng in Verbindung war konnte sie die richtigen Menschen zur richtigen Zeit miteinander verknüpfen.

Die Organisation, in der sie arbeitet, verliert ein wichtiges Gesicht nach außen. Viele kannten die Organisation vor allem, weil sie die Kollegin kannten. Mit ihrer Präsenz, ihrer Vernetzung und ihrer Fähigkeit, das Richtige auszusprechen, auch wenn es manchmal unangenehm ist, hat sie immer einen Nerv getroffen.

Sie verkörperte die Werte nach außen, die in den internen Leitfäden stehen.

Die Personen und Organisationen im Umkreis verlieren eine Schlüsselperson, die immer ein offenes Ohr oder eine gute Idee parat hatte. Manchmal konnten sie in Projekten gemeinsam mehr erreichen und Ressourcen teilen, das wird jetzt nicht mehr gehen.

Alle verlieren und stehen am Ende mit weniger da, auch wenn die Zahlen vermeintlich bessere sind.

Manche Kosten passen nicht in eine Tabelle

Gespart ist nicht immer gespart. Was häufig als Sparen ausgegeben wird, ist viel zu oft eine kurzfristige Tabellen-Schieberei. Die Arbeit wird still weitergereicht (An wen eigentlich? Egal, Hauptsache nicht wir), die Probleme verlagert und Beteiligte werden plötzlich Betroffene. Das kostet Vertrauen. Manche Kosten werden erst sichtbar, wenn die Beziehung schon weg ist und mal vorhandene Netzwerke nicht mehr wirken.

Vertrauen lässt sich nicht per Mail nachreichen. Es braucht jemanden, der da ist und authentisch eine Position vertritt noch bevor es darauf ankommt.

Gerade jetzt, wo multiple Krisen auf Menschen einprasseln und vielerorts Vertrauen in Organisationen und den Staat als ganzes auf die Probe schwinden, ist das kein guter Zeitpunkt, ausgerechnet an der Stelle persönlicher Kontakte zu kürzen. Das verlagert nur die Kosten in einen Bereich, der sich (noch) schlechter messen lässt, aber nicht weniger wehtut.

Nicht sparen ist auch keine Lösung?

Viele Organisationen stehen unter Druck und es gibt sicherlich an manchen Stellen Potenzial etwas neu auszurichten, zu entschlacken und einzusparen (oder umzuschichten für bessere Qualität). Um das zu sehen, muss die Frage aber andersherum gestellt werden. Nicht: Wie können wir möglichst viel sparen? Sondern eher: Was braucht es, damit wir auch in dieser Zeit unserem Auftrag gerecht werden?

Blindes Kürzen kostet Vertrauen, langjährige Arbeit geht verloren die Organisation verliert nach Außen an Glaubwürdigkeit. Kürzen spart nichts, wenn Menschen nicht mehr begleitet werden können und schließlich in noch größere Problemlagen geraten. Kürzen spart nichts, wenn Konflikte nicht anfangs bearbeitet werden können und erst die große Eskalation kommen muss. Kürzen spart nichts, wenn alle Engagierten Mut und Kraft verlieren noch zu gestalten.

Diese Kosten tauchen erstmal in keiner Tabelle auf, auch wenn Engagierte immer wieder mit fachlichen Argumenten darauf verweisen. Sie zeigen sich leise, verzögert und oft erst dann, wenn es zu spät ist.


Wenn du spürst, dass bei euch gerade an der falschen Stelle gespart wird oder du selbst in einer Koordinationsstelle sitzt, deren Sinn sich auflöst: Manchmal hilft es, das mit jemandem zu sortieren, die nicht drinsteckt. Im kostenlosen Check-up (30 Minuten) schauen wir uns gemeinsam an, was gerade verloren geht und welcher nächste Schritt helfen kann. Buche dir direkt einen Termin.